Geschichten :

Die steinernen Grafen von Stollhill

Im Schrein des Schöpfers am Ostufer des Flusses Jura in Stollhill, am 5. Tag des ersten Mondes Locknars, im Jahre 195 v.K.

Wer Pater Essendus in diesen Stunden kennengelernt hätte, wäre niemals auf den Gedanken gekommen, einen ehrwürdigen Pater des Larinar vor sich zu haben. Zum einen hing das mit der Gestalt des Paters zusammen, fast 7 Fuß groß, breitschultrig und trotz seines Alters noch durchaus ein Fels in der Brandung. Ein weiteres Detail, was ein wenig in die Irre führte, war die Kleidung des Paters, die nicht das strahlende Weiß und Blau zeigte, was die Priester dieses Aspektes normalerweise trugen, sondern im Licht der Kerzen in sattem, feuchten Rot frischen Blutes erstrahlte.

Gemeinsam mit seinen Brüdern versorgte Essendus nun seit zwei Tagen Flüchtlinge aus Arken City, jener großen Stadt, die in der Nacht zum neuen Jahr in Feuer und Blut versunken war, von Orks überrannt. Die Überlebenden trafen einzeln oder in kleinen Gruppen hier im Schrein ein, müde, halb verhungert, von der Wanderung durch kniehohen Schnee völlig erschöpft und ausgekühlt trafen sie hier ein, zu jeder Stunde des Tages und der Nacht. Die Brüder gaben ihnen einen Platz zum Schlafen, etwas zu essen und behandelten die zahlreichen Verwundungen, die teils aus der Verteidigungsschlacht um Arken stammten, teils aber auch erst bei Überfällen auf die Flüchtlinge zugefügt worden waren.

Seit vorbeiziehende Ordensbrüder aus Arken vor der bevorstehenden Katastrophe gewarnt hatten, bereitete sich der Schrein auf eine große Zahl von Flüchtender vor, man hatte in jedem freien Raum Betten aufgestellt, Nahrungsmittel zusammengesammelt, Brot gebacken, Verbände vorbereitet, Tränke und Mixturen zur Wundbehandlung gebraut und sogar einen Teil der Obstbäume im Ostgarten gefällt, um sämtliche Räume des Schreins für einige Tage heizen zu können. Die Apfelernte in diesem Teil Vallconnans würde nicht so gut werden im nächsten Jahr…

Die Ordensbrüder aus Arken hatten einen Teil der Schätze aus dem dortigen Dom gerettet und brachten diese nun nach Nedeggan, wo man auch Hilfe holen wollte. Aber auf diese Hilfe müßte man etwas warten, da das widrige Wetter und der hohe Schnee jede Reise zu einer beschwerlichen Tortur werden ließ.

Und deshalb stand Essendus nun in der Mitte des großen Tempelraumes, umgeben von flackernden Kerzen und Lampen und versuchte, einem kleinen Jungen eine Pfeilspitze aus dem Bauch zu schneiden. Der Kleine hatte fürchterliche Schmerzen, und der Vater, der besorgt daneben stand und dessen Hand hielt, hatte alle Mühe, seinen Sohn still zu halten, damit der Pater arbeiten konnte, ohne noch mehr Schaden anzurichten.
„Er hat Glück gehabt, dein Sohn. Normalerweise hätte der Pfeil eines Orks jeden Körper durchschlagen, der nicht durch eine Rüstung geschützt ist. Aber dieser Pfeil ist nur bis in die Bauchhöhle eingedrungen, ohne zuviel Schaden anzurichten.“
„Nein, Pater, auch dieser Pfeil hat den Körper durchschlagen, auf den er abgefeuert wurde. Meine Frau hatte den kleinen Esterien auf dem Arm. Der Pfeil schlug durch ihr Herz und ihre Lunge, wir konnten nichts mehr für sie tun.“

Schließlich konnte Essendus die Spitze in der Wunde ertasten, umfaßte sie mit vorsichtiger Hand und zog sie langsam aus dem kleinen Körper. Während einer der Novizen sich daran machte, die Wunde zu verbinden, nahm Essendus den erschöpften Vater in die Arme und hielt ihn fest, bis dessen Schultern aufhörten, zu beben.
„Eonar hat in seiner Weisheit beschlossen, daß das Atma deiner Frau in den Kreislauf zurück muß, damit etwas neues aus ihr entstehen kann. Und so sehr uns dieser Entschluß mit Trauer erfüllt, so können wir doch auf die Gnade Locknars hoffen, der die Seele deiner Frau sicher in die Hallen geleiten wird, wo Ihr euch eines Tages wiederseht.“

Der Novize gab dem Vater seinen Sohn auf den Arm, der nun in einige Decken gehüllt, vor Erschöpfung und durch einige Tropfen eines starken Schlafmittels beruhigt in einen tiefen Schlaf gefallen war. Sie würden einige Tage hier im Schrein verbringen, wie so viele andere Verwundete auch, bis sie die Kraft besäßen, tiefer ins Reich zu ziehen, wo sie bei Verwandten und Fremden gleichermaßen Unterschlupf finden würden, bis das Morden entlang der Mahasgrenze ein Ende gefunden hätte.

Essendus stand da, um ihn herum wieselten Brüder und Flüchtlinge, auf der Suche nach Wasser, einer Kleinigkeit zu Essen, einer zusätzlichen Decke, kurz, nach allem, was das Leben auf der Flucht ein wenig erträglicher machen würde.
Doch Essendus sah nur die Pfeilspitze in seiner Hand, und während ein merkwürdiges Schimmern in seinen Augen aufstieg, wanderte sein Geist über viele Jahre zurück, als Essendus noch kein Priester der Dreieinigkeit gewesen war, sondern ein Feldscher in der Armee Vallconnans…

Er hatte sich im Jahre 145 v.K. zur Armee gemeldet, zu einem kleinen Kontingent slydener Bogenschützen. Sein Onkel war Jahre zuvor unter Esterien Dragonmight I in die Grenzlande gezogen, um dort bei der Schlacht um den Haller des Magiers teilzunehmen, und Essendus, der damals noch auf den Namen Harper gehört hatte, war mit den Erwartungen in die Armee eingetreten, welche die Erzählungen seines Onkels vor seinen Augen hatten entstehen lassen, Bilder von Helden, Ruhm und Ehre.
Als Feldscher hatte er an vielen Scharmützeln mit den Orks teilgenommen, die versuchten, die Ländereien in Malmedy in Unruhe zu versetzen. Und er hatte sie gefunden, die Helden, den Ruhm und die Ehre. Und das Blut, den Schmerz, die Schreie, den Tod. Gerade den Tod hatte er vor Augen, wenn er nach den Schlachten an den Körpern seiner Freunde herumschnitt, um sie der Faust des Nehmers doch noch einmal abzutrotzen. Und meist hatte er verloren.

Eines Tages war die Einheit, in der er diente, an den Ufern der Mahas in einen orkischen Hinterhalt geraten, und nur Harper und einer seiner Freunde waren dem Schlachten entkommen.
An diesem Tag war Essendus geboren, aus den Ruinen eines jungen Soldaten, der solche Furcht vor dem Tod hatte und soviel Ekel vor der Gewalt der Schlacht, daß er sich schwor, niemals wieder an einem Kampf teilzunehmen. Sein Freund, Korporal Monty, hatte bei dem Hinterhalt beide Beine und ein Auge verloren, und Essendus nahm ihn auf die Schultern, als er sich nach Colona begab, um dort um die Aufnahme in den Orden zu bitten.

Die beiden hatten in der Geborgenheit des Ordens ein neues Zuhause gefunden. Und während aus dem Krüppel Monty Pater Mons wurde, der stundenlang mit den Kindern im Hof saß, um mit ihnen zu spielen und ihnen die Geschichten der alten Helden zu erzählen, war aus Harper Pater Essendus geworden, ein ergebener Diener Larinars und ein Heiler, der nicht nur dank der Gunst seines Herrn Leben retten konnte, sondern auch sein Wissen in der Medizin und Feldscherei soweit ausbaute, daß er vielen Verwundeten und Kranken auch dort noch helfen konnte, wo das Wissen vieler seiner Brüder ein Ende fand.

Und genau dieses Wissen half ihm nun, sein Werk zu tun, denn über den Grad an Erschöpfung, in dem er noch ein langes Gebet sprechen konnte, um seinen Herrn um direkte Hilfe zu bitten, war Essendus schon lange hinaus. Müdigkeit kroch durch jeden Muskel seines alten Körpers und verwischte das klare Bild vor seinen Augen. Abgespannt ließ Essendus seinen Blick durch den Tempel wandern. Überall lagerten Menschen, denen nichts mehr geblieben war, als ihr Glaube an die Götter und das wenige, was sie mit auf die Flucht hatten nehmen können.
Vor dem Altar saß Pater Mons, oder Pater Mountain, wie ihn die Kinder aus dem Dorf nannten, und spielte mit einigen der Flüchtlingskinder, hielt sie beschäftigt, damit ihre Eltern sich für wenige Stunden ausruhen konnten, vorbereiten auf den langen Marsch in die Sicherheit des Reiches.

Mit einem Ohr hörte Essendus der Geschichte zu, die sein Freund den Kindern erzählte, die um ihn herum im Kreis saßen, doch die Augen des Priesters wanderten über die Fenster des Tempels, hohe Fenster aus schwerem Bleiglas, in allen Farben der Schöpfung eingefärbt, zeigten sie Bilder aus friedlichen Tagen, die Vermählung von Scott Dragonmight I mit seiner wunderschönen Gemahlin, Elaine Estelle, die wundersame Rettung des Douglas of Slyden nach dem Fall der Feste Raise in Stollhill im Jahre 9, und die Siegreiche Heimkehr der vallconnischen Truppen nach den erbitterten Gefechten um den Hertogenwald.

Vor den Fenstern standen die steinernen Figuren der Edlen of Stollhill, all die Henrys, Eriks und Ians, jeder einzelne seit der Gründung des Reiches. Wann immer ein Graf aus dem Geschlecht derer of Stollhill gestorben war, hatte der Vorsteher des Tempels mit eigener Hand eine lebensgroße Figur des Verstorbenen angefertigt, denn die Grafenfamilie hatte den Schrein in vielen düsteren Jahren unterstützt. Hier standen sie nun, stumm, dargestellt als die Krieger, die sie gewesen waren, um das Land während ihrer Regierungszeit vor allen Gefahren zu schützen.

Zehn waren es nun, und die Figur von Erik III war gerade erst hinzugekommen, von Essendus selber aus dem Stein eines nahen Steinbruchs geschlagen, als Geste der Dankbarkeit für die vielen Jahre der Freundschaft und Hilfe, die der Graf dem Schrein hatte angedeihen lassen, bevor der Titel des Grafen an den jungen Sir Ian I of Stollhill übergegangen war.

Essendus nahm einen Schluck Wein aus einem Becher, den einer der Akolythen ihm reichte, und machte sich wieder an die Arbeit, ein gebrochener Arm wollte geschient werden, und die alte Frau, die an dem Arm hing, wollte das ebenfalls.
Stumm legte Essendus die Verbände an und kämpfte gleichzeitig den Zorn nieder, der, aus der Erschöpfung geboren, nach dem Geist des Priesters griff. Diese Menschen hatten ein Leben in Frieden gewollt, hatten sich nichts zu schulden kommen lassen und doch war nun ihr Leben bedroht. Und es gab nur so wenig, was Essendus und seine Brüder dagegen tun konnten.

Und doch rief sich der alte Priester wieder zur Ruhe, verknotete das letzte Ende des Verbandes und half der Frau von dem Behandlungstisch.
„Larinar wird diese Verletzung bald heilen lassen, vertraue auf seine Gnade, meine Tochter.“
„Danke, Pater.“

Essendus setzte sich nieder, erschöpft. Sein Körper hatte bereits aufgehört, die Zeichen zu geben, die auf das Ende der letzten Kraftreserven hinwiesen. Lediglich ein leichtes Zittern in den Händen und der stumpfe Schmerz im Rücken gaben Signale des Protestes. Der alte Priester lehnte sich zurück, legte den Kopf an eine Säule und schloß die Augen für einen Moment, um dem Geist ein wenig Ruhe zu gönnen.
Und dann hörte Essendus das Marschieren von schweren Stiefeln, das Schlagen großer Kriegstrommeln und das Gejaule der gefürchteten Orks, die ihn vor langer Zeit beinahe getötet hätten. Unsicher, ob er wachte oder träumte, versuchte der Pater die Augen zu öffnen, sich in die gewohnte Umgebung des Schreins zu flüchten, aber seine Augenlider wollten ihm nicht gehorchen. Er sah die nächtliche Dunkelheit, die jenseits der Portale lag, und sah die Fackeln eines Orktroßes, der die Straße von Arken herunterkam, den Spuren der Flüchtlinge hinterher, die man deutlich im Schnee sehen konnte.
„Bereite dich vor, Essendus, sie kommen. Und dies wird deine Schlacht sein.“

Essendus sprang auf, aufs heftigste erregt.
„aber ich bin kein Krieger mehr! Ich werde nicht töten, ich diene alleine der Schöpfung und dem Licht Larinars!“
Alle Augen ruhten auf ihm, suchten nach einem Grund, der das ungewöhnliche wie heftige Verhalten des Priesters erklären könnte. Offenbar hatten die Anwesenden im Raum weder die Geräusche der nahenden Bedrohung noch die Stimme gehört. Die ihn gewarnt hatte.
„Alles ist gut. Ich habe nur schlecht geträumt. Verzeiht einem alten Mann seine Unbeherrschtheit.“
Diese Worte schienen alle zu beruhigen, lediglich Pater Mons hatte in seiner Geschichte innegehalten und hielt seinen Freund sorgsam in seinem einen Auge.

Essendus ging zu ihm hinüber, schickte die Kinder, die dort auf das Ende ihrer Geschichte warteten, weg, um einige Worte mit seinem Freund zu wechseln. Die Kleinen murrten zwar, aber als Mons versprach, danach eine Geschichte mit Feen und Einhörnern zu erzählen, waren sie alle versöhnt und liefen fort, um dem Pater einen Becher Rotwein zu besorgen, damit seine Stimme nicht in der spannendsten Stelle der versprochenen Geschichte versagen würde.

„Mons, die Orks kommen hier her.“
„Und, Essendus? Was willst du dagegen tun? Wir sind schon so lange keine Krieger mehr, und die wenigen Soldaten, die wir hier haben, können froh sein, wenn sie in wenigen Stunden den Sonnenaufgang sehen.“
„Ich weiß. Aber es fällt mir nicht leicht, einfach nur zu sitzen und darauf zu vertrauen, daß unsere Götter diese Schlacht für uns schlagen. Du weißt doch, die Götter helfen denen, die sich selber helfen.“
Pater Mons war sichtlich skeptisch.
„Essendus, das hier ist kein Squad vallconnischer Soldaten. Das sind Flüchtlinge. Sie sind müde, verängstigt, hungrig und in keinster Weise für ein Gefecht ausgebildet oder ausgerüstet. Und das hier ist auch nicht Mondschau Castle, sondern ein Larinarschrein. Wenn die Orks sich entschließen, hier einzufallen, dann halten wir sie nicht mal lange genug auf, damit hier einer das Glaubensbekenntnis beten kann. Das weißt Du und das weiß ich und jeder hier im Raum weiß das ebenfalls.“
„Und doch sind sie hierher gekommen. Mountain, ich bin nicht bereit, mich hinzulegen und zu sterben. All diese Menschen haben sich in einen Tempel geflüchtet, weil sie erwarten, daß die Götter sie schützen werden. Und ich werde mich nicht vor sie stellen und diese Hoffnung zerstören. Ich habe auch Angst vor den Orks, aber die Pflicht eines Priesters verbietet uns, dieser Angst nachzugeben.“
„Essendus, ich teile deine Meinung. Aber in allem Vertrauen auf die Götter, hier brauchen wir keine Soldaten, hier hilft nicht mal Glück. Wenn die Orks uns angreifen, dann rettet uns nur ein Wunder.“

Essendus ließ die Worte seines Freundes in der Luft hängen, denn er erkannte die Wahrheit darin. Mit dem Schwert würden sie der Bedrohung wahrlich nicht begegnen können, und auf ein Wunder zu hoffen, die Götter halfen denen, die sich selber halfen…
„Du sollst dein Wunder bekommen, mein Freund. Besorg mir einige der Flüchtlinge, die nicht zu schwer verletzt sind, am besten Krieger oder Soldaten…“
Und während Pater Mons sich darum kümmerte, daß einige Männer und Frauen sich am Altar sammelten, zog sich Pater Essendus, ein Priester Larinars in die Ruhe des Rundgangs hinter dem Altar zurück, um zu beten.
Und dort saß er in der Dunkelheit, haderte mit der Angst in seinem Herzen und bat seinen Gott um die Kraft, in einer Schlacht zu bestehen, die er niemals hatte schlagen wollen.

Als die Nacht ihrem Ende entgegenging, hatte sich die Lage im Tempel verändert. Nichts deutete mehr auf ein Flüchtlingslager hin. Diejenigen, die hatten weiterreisen können, waren noch in der Nacht aufgebrochen, weiter ins Reich hinein.
Wer zu krank oder zu schwach war, um zu flüchten, den hatten die Ordensbrüder in die Kellergewölbe des Schreins gebracht. Dort würden sie in Sicherheit sein, sobald die Orks mit dem Angriff auf den Schrein begonnen hätten, den Essendus prophezeit hatte.

Essendus selbst stand am Altar, vertieft in die Pflichten des morgendlichen Gebetes. Ihm zur Seite standen zwei weitere Priester Larinars, genau wie Essendus in die prachtvollsten Gewänder gehüllt, die der Schrein besaß.
Einige der Roben waren schon seit Jahren nicht mehr in Gebrauch gewesen, und auch auf dem großen Kelch, der nun in der Mitte des Altares stand, hätte man bestimmt noch die Spuren von Pater Malach finden können, der den Schrein vor vielen Jahren errichtet hatte. Aber heute war der Tag der Entscheidung, heute würde sich finden, ob der Schrein bestehen bleiben würde oder der Vernichtung geweiht war, wie so vieles in dieser Zeit. Die drei Priester vollführten das Ritual der morgendlichen Andacht in eiserner Konzentration, obwohl sie alleine im Raum waren, bis auf Mons, der auf einem hohen Stuhl in der Nähe des Altares saß und stumm mitbetete. Und bis auf die zwei Dutzend Figuren, die in den Fensterbögen standen, kalt und stolz. Und ihre steinernen Augen schienen ebenfalls zu überwachen, daß das Gebet ohne Störung von statten ging.

Draußen zog dichter Nebel über den Schnee, tauchte alles in bleiches Dämmerlicht. Bald würde die Sonne über die Loddies steigen, und ihr Licht würde durch die bunten Fenster des Tempels fallen, und alles in farbiges Licht tauchen. Doch vorher würde die grüne Flut über diesen Ort hereinbrechen, bereits jetzt konnte Essendus ihre kehlige Sprache auf dem Vorhof erklingen hören. Anscheinend hielt die Triskele, die in leuchtendem Blau direkt über dem Haupteingang auf die Stirnseite des Gebäudes gemalt worden war, die Unholde davon ab, einfach so in den Tempel zu stürmen, so als fürchteten sie den Zorn der Drei.

„… das Auge der Menschen vermag einen großen Scheiterhaufen nicht zu erkennen, wenn er am hellen Tag in einiger Entfernung verbrennt. Aber in der Nacht sieht der Wanderer das strahlende Licht einer einzelnen Kerze schon viele Meilen vor dem Heim.
Laßt in dieser Stunde unsere Tat eine solche Kerze sein, und laßt sie erstrahlen, damit die, welche in der Dunkelheit wandeln müssen, das Licht erkennen und so wieder in den Kreislauf finden können. In Nomine Larinar Larinaris, Lumen Luminis!“
Während Essendus seine Stimme zu diesem letzten Segen erhob, stieg das Licht der aufgehenden Sonne über die Felskämme und ein erster Strahl hellen Lichts fiel durch das große Fenster über dem Altar, brach sich im kunstvoll geschliffenen Glas und tauchte den gesamten Raum in ein kaltes Blau.

Dann flog das Tor zum Tempel auf und der Zauber des Augenblicks war verloren. Kälte drang von Außen in den geheizten Raum ein, der Wind trug Schnee in den Raum und auf der Schwelle stand ein großer Ork, der größte, den Essendus jemals gesehen hatte, größer sogar als der Pater selbst. Ein Gor Obrok, eine furchtbare Doppelaxt erhoben in der einen Pranke und in der anderen ein schartiges Kurzschwert.

Um die Hüfte trug das Unhold einen Lendenschurz, und als Essendus erkannte, daß dieses Kleidungsstück aus den Fetzen vallconnischer Wappenröcke und einiger Roben von Templern der Faust Locknars bestand, da versagte dem Priester für die Dauer eines Herzschlages die Stimme. Doch schnell fing er sich wieder und wandte sich nun vollends dem Eindringling zu.
„Ich grüße dich im Namen Larinars, des Lichtes, des göttlichen Schöpfers. Wenn du gekommen bist, um hier Erleuchtung zu suchen, dann sei uns als Gast willkommen!“
Der Ork schien zuerst überrascht, dann begann er schallend zu lachen und schwang seine Mordaxt. Nun, wenigstens schien er die Sprache des Priesters zu verstehen, zumindest, um den Sinn zu erfassen, der in den Worten lag.
„Nicht Bettler, Sieger! Dein Gott schwach! Mein Gott Blut, mein Gott mächtig! Nehmen Schatz, nehmen Beute, töten Mann und Mann und Mann“
Durch die Stimme ihres Anführers ermutigt, schlichen sich nun auch andere Orks in die Halle, bis die vier Priester einer Gruppe von gut dreissig Orks gegenüberstanden.
„Wenn Du nicht gekommen bist, um die Gnade der Drei zu erfahren, dann hast Du hier nichts verloren. Geh!“
Der Obrok machte einige Schritte in Richtung des Altares, und seine Gefolgsleute stachelten ihn mit zischenden Lauten und rhythmischem Stampfen auf den Boden an.
„Du nicht kämpfen, du sterben. Du kämpfen, du sterben auch. Du sterben immer!“
„Wer in die Kraft des Traumes vertraut, der wird bestehen gegen den Schrecken der Damones und ihrer Horden! Und so werde ich dir die Kraft meines Herrn offenbaren, auf das du die Schwäche der Damones erkennen mögest!“

Mit diesen Worten nahm Pater Essendus den Kelch vom Altar, tauchte seine Hand in das kühle Wasser und begann, die Statuen zu segnen, die in unmittelbarer Nähe des Altares in den Fensterbögen standen. Die anderen Priester warfen wie auf ein geheimes Zeichen hin kleine Mengen von Weihrauch in die Kohlebecken, und binnen weniger Sekunden war der Tempel mit weißem Rauch gefüllt.
„Genug von hexen. Nun sterben!“
Essendus zuckte nicht, als der Obrok sich vor ihm aufbaute, seine Axt zum Schlag erhob und sie niedersausen ließ. Ein Kampfstab stieß aus dem Qualm des Weihrauchs hervor und bremste den Schlag der Axt, nur einige Finger breit vor der Stirn des Paters entfernt.
Mit weit aufgerissenen Augen, das Gesicht zu einer Fratze der Furcht verzogen, starrte der Ork in die Augen einer der Statuen. Doch diese Augen waren nicht kalt und leblos, sie strahlen im Zorn eines Kriegers aus dem weißen Gesicht der Kriegerstatue, das Gesicht eine Maske der Wut.
Und diese Statue bewegte sich auf den Obrok zu, ließ den Stab erneut tanzen und zog ihn mit vernichtender Kraft in den Rücken des Eindringlings.

Der Schmerz weckte den Ork aus seiner Erstarrung, und unter lautem Kreischen wankte er zurück, weg vom Altar und Essendus, weg von der Statue, die dem Ork langsam folgte, die Stufen hinab und in Richtung der anderen Orks. Das Kratzen von Stein auf Stein erhob sich im gesamten Tempel, als auch andere Statuen ihre Plätze verließen, ihre Kampfstäbe erhoben und auf die grüne Brut zuwanderten. Diese standen nun dicht gedrängt im Torbogen des Eingangs, von Angst befallen aber nicht feige genug, um ihren Anführer im Stich zu lassen.

Die Stimme von Essendus klang über den Lärm.
„Doch jene, welche die Gunst des ersten Sohnes verschmähen, und die Gnade des dritten Sohnes ablehnen, sollen die vertilgende Ordnung des zweiten Sohnes erfahren, der durch seine Macht den Traum von allem reinigt, was vergehen muß, damit Neues den Platz des Alten einnehmen kann! Erkennt die Gnade Locknars! Möge Larinar Euer Atma nehmen, damit etwas neues daraus erwachsen kann.“

Der Obrok hatte sich aus seiner anfänglichen Furcht gefangen und brüllte nun seine Monster an, wollte sie zum Angriff bewegen. Doch ein Halbkreis aus Statuen hatte sich vor den Orks aufgebaut und trieb sie erbarmungslos vor sich her, Schritt für Schritt, langsam, aber nicht aufzuhalten. Mit einem Mal jedoch zog einer der Orks aus den Falten seiner Kleidung eine kleine Armbrust, zielte kurz und schoß einen Bolzen ab. Essendus bemerkte davon nichts, sah den Bolzen nicht einmal aus dem Qualm hervorschießen, sah nur die schwarze Befiederung, die aus seiner eigenen Brust ragte.

Nicht jetzt! Zu früh! Wenn Essendus nun fiel, würden die Orks darin eine Bestätigung ihres Plans sehen und den Schrein niedermachen.
„Erhöre mich, Eonar, nur noch einige Augenblicke!“
Die Statuen hatten den Angriff gesehen, und einen Augenblick lang hörte man einzig das Summen der Armbrustsehne und das Knistern des brennenden Weihrauchs. Dann dröhnte die Stimme von Pater Mons durch das Gebäude.
„Packt sie Euch, möge Locknar sie vertilgen!“
Und die Statuen gehorchten, hieben mit ihren Kampfstäben auf die Orks ein, die in ihrer Verwirrung nicht einmal ihre Schilde zur Deckung nahmen, sondern wirr vor Furcht die Schläge einsteckten.

Nur ihr Anführer ließ sich nicht beirren und stürmte wider die Statuen an, die Axt und das Schwert erhoben. Als er auf die Reihe traf, fegte sein Schlag zwei der Statuen beiseite, so wuchtig war der Hieb. Doch als das Unhold sich in die so geschlagene Lücke drängen wollte, um in Reichweite der Priester zu gelangen, trat eine weitere Statue hinzu und ramme dem Ork eine mächtige Lanze in den Leib, direkt durch die Brust, so das die Spitze der Waffe aus dem Rücken des Orks hervorstieß und seine Gefolgsleute mit dessen Blut bespritzte.
Der Ork begann zu zappeln, bereits im Todeskampf gefangen hieb er wild um sich. Doch die Statue, die die Lanze führte, ließ sich nicht beirren, sondern schob den tödlich verwundeten Ork vor sich her, in seine Gruppen hinein.

Und die Orks wichen zurück, erst langsam, dann immer schneller, bis sie schließlich kehrtmachten, ihre Waffen wegwarfen und rannten, so schnell ihre krummen Beine sie trugen. Die Statue mit der Lanze, auf der der tote Obrok steckte, blieb im Torbogen stehen und sah den fliehenden Orks hinterher. Andere Statuen wankten noch in den Hof, und blieben dort stehen, die Stäbe zum Kampf erhoben.
Essendus und die Priester traten ebenfalls ins Freie. Essendus mußte gestützt werden, helles, schaumiges Blut rann aus seinem Mund. Und trotzdem lächelte der Priester. Dichter Rauch zog aus dem Tempelinneren ins Freie, und vermischte sich mit dem Nebel des erwachenden Tages.

Die Statuen im Hof brachen in lauten Jubel aus, knieten nieder und dankten den Drei für diese Rettung. Und dann begannen sie, sich mit dem Schnee, der im Hof lag, den steinernen Anstrich von den Gesichtern und Händen zu waschen. Und mit jedem Brocken des Steinstaubs und des Lehms, der aus den Gesichtern verschwand, nahmen die Statuen ein menschlicheres Aussehen an, und schließlich standen nur noch Ordensbrüder und Flüchtlinge im Hof, in staubigweißen Kleidern, mit verschmiertem Ton auf den Gesichtern, mit kleinen Schiefertafeln unter den Sohlen, um das Geräusch von Stein auf Stein zu erzeugen, wenn sie bewegten.
Essendus, der bis zum letzten Augenblick an der Weisheit seiner Täuschung gezweifelt hatte, lächelte, trotz der Schmerzen. Seine Schlacht war geschlagen, und das nur mit wenig Blutvergießen. Er wandte sich an die beiden Priester, die ihn stützten.
„Bringt mich wieder herein, damit ich mich darauf vorbereiten kann, dem Nehmer zu begegnen.“
Der Mann, dessen Lanze durch den Ork gefahren war, hatte die ganze Zeit neben den drei Priestern gestanden. Essendus hatte ihn noch nie gesehen, aufgrund der Lanze jedoch nahm er an, daß es sich um einen Soldaten handelte, der dem Schlachten in Arken entkommen konnte. Seine Haltung zeigte Stolz auf das Vollbrachte, und beinahe fürstlich war seine Geste, als er sich zu Essendus umdrehte und beruhigend auf ihn einsprach.
„Nein, Essendus, ich glaube nicht, daß deine Zeit schon gekommen ist. Die Götter helfen denen, die sich selber helfen. Doch jene, die auch anderen helfen, die belohnen die Götter sogar.“

Und der Mann lehnte die Lanze an den Torbogen, so daß der Ork daran zu Boden rutschte und den gesamten Schaft der Waffe mit Blut besudelte. Die weiße Gestalt entnahm dem sterbenden Priester mit der einen Hand den Kelch und mit der anderen zog sie den Bolzen aus der Brust des Verletzten. Helles Blut trat sofort aus der Wunde, und für einen Augenblick war es Essendus unmöglich, zu atmen. Doch dann führte der Krieger dem Priester den Kelch Larinars an die Lippen, und als Essendus das kühle und erfrischende Wasser trank, da ließen die Schmerzen mit einem Mal nach und Kraft durchströmte den alten Mann.
Die beiden Priester, die Essendus während der wenigen Augenblicke gestützt hatten, welche die seltsame Behandlung in Anspruch nahm, keuchten überrascht auf, als ihr Freund, den sie schon in Locknars Faust vermutet hatten, sich aus eigener Kraft aufrichtete und tief Luft holte.

Die anderen Ordensbrüder, die nun erst den blutigen Fleck auf der Kleidung des Priesters sahen, scharten sich freudig um ihren Retter, und bedrängten Essendus mit Fragen und Glückwünschen. Der Krieger, der den Bolzen entfernt hatte, übergab ihn einem der nebenstehenden Akolythen.
„Bewahrt diesen Bolzen und erinnert Euch an diese Schlacht, in der nicht kalter Stahl, sondern ein scharfer Geist den Sieg für das Licht errungen hat. Gönnt ihm noch einige Augenblicke hier draußen, damit er die Kraft der Morgensonne genießen kann, die ihn stärken wird.“
Dann drehte sich der Man um, ergriff seine Lanze mit der rechten Hand und trug den Kelch in das Innere des Tempels, welcher immer noch mit dem Rauch aus den Kohlebecken gefüllt war.

Essendus fühlte sich jung, so als sei er gerade von zuhause losgelaufen, um die Welt zu erkunden. In jeder Faser seines Körpers pulsierte die Energie, die der Priester aus dem Kelch getrunken hatte, Alle Müdigkeit war von ihm abgefallen, während er hier mit seinen Freunden im Licht des Morgens stand, das vom Schnee noch einmal verstärkt wurde, und er freute sich, am Leben zu sein.
Gemeinsam begannen einige Brüder, den Körper des toten Orks von den Stufen zu tragen, und Essendus trat hinzu und sprach ein kurzes Gebet über dem Kadaver. Es war im Leben ein Feind gewesen, doch im Tode war es nur ein kleines Stück Atma, welches sicher in den Kreislauf zurückkehren sollte.

Nachdem auch diese Pflicht erfüllt war, machte sich die kleine Gruppe auf den Weg ins Innere des Tempels, wo sich bereits einige der Flüchtlinge wieder aus den Kellern hervorgewagt hatte, um die Neuigkeiten zu erfahren. Kinder belagerten Mountain, der bereits in schillerndsten Farben von der gewonnenen Schlacht berichtete, und einige Brüder verteilten Brot und Käse an jeden, der danach verlangte. Überall wurde gelacht und gescherzt, die Flüchtlinge hatten sich in Sieger verwandelt.

Essendus aber ließ seinen Blick über die Masse streifen, suchte seinen Retter, zum einen, um ihm zu danken, zum anderen, um von ihm seinen Namen zu erfahren und zu ergründen, woher der Fremde so viel über die Heilkunst wußte, daß er eine solche Verwundung ohne große Umstände hatte behandeln können.
Doch der Krieger schien verschwunden, wahrscheinlich hatte er sich zurückgezogen, um ebenfalls seine Kleidung und sein Gesicht von der täuschenden Schminke zu befreien, die ihnen allen das Aussehen von steinernen Kriegern gegeben hatte.

Die versammelten Menschen gönnten sich ein kleines Fest an diesem Morgen, feierten den Sieg über die Orks, die Tatsache, daß sie noch lebten, daß der Plan von Pater Essendus ihnen die Haut gerettet hatte.
Essendus feierte mit ihnen, und als das Fest gegen Mittag ein Ende fand und der Pater für kurze Zeit keine Pflichten hatte, da setzte er sich zu seinem Freund und erzählte ihm alles, was sich aus seiner Sicht abgespielt hatte. Er erzählte auch von dem seltsamen Krieger, dem er so gerne danken würde, und von dem er noch etwas lernen könnte, den er aber nicht unter den versammelten Menschen gefunden hatte.
„Nun Essendus, haben wir einen weiteren Held in der Schlacht kennengelernt. Mögen die Drei gut auf seinen Weg acht geben, damit sein Mut und sein Wissen uns noch lange erhalten bleibt.“

Sie saßen noch eine Zeitlang nebeneinander, jeder in seinen eigenen Gedanken verloren. Schließlich rappelte Mountain sich auf und schwang sich von dem Sitzplatz, den er  den gesamten Morgen in Beschlag genommen hatte, in einen Rollstuhl, den die Brüder vor einigen Jahren in der Tempelschreinerei für ihn angefertigt hatten.
Gemeinsam zogen sich die beiden Priester zurück in den Bereich hinter dem Altar, knieten dort nieder und unter den steinernen Augen von Henry VI of Stollhill sprach Essendus das Dankgebet an seine Götter und bat um Schutz für den fremden Krieger, der sein Leben gerettet hatte.

Gemeinsam sprachen Mons und Essendus das Glaubensbekenntnis, doch nach einigen Zeilen brach Mons unvermittelt ab. Essendus, der ein solches Verhalten bei einem Priester nicht besonders schätzte, wandte sich zu seinem Freund, um ihn zum weitersprechen zu ermuntern, doch als er das bleiche Gesicht des Mannes sah und seine weit aufgerissenen Augen, da verhaspelte sich auch Essendus in seinem Gebet.
„Mountain, was ist denn los?“
„Ich habe deinen Krieger gefunden, Essendus.“
Der Pater folgte dem Blick seines Freundes, konnte aber niemanden in der Dämmerung stehen sehen, lediglich die Schatten der Figuren erzeugten das Gefühl von Gesellschaft.
„Mountain, da ist niemand, wir sind unter uns.“
„Sieh genauer hin, Essendus.“
Sein Blick schweifte, bis er im Hintergrund das goldene Funkeln eines Schmuckstücks erkannte. Der Pater richtete sich auf, machte ein paar Schritte auf das Funkeln zu und hielt überrascht den Atem an.

Der Krieger stand bewegungslos vor einem der Fenster, den blutigen Speer noch immer in der einen Hand, den Kelch in der Anderen zum Gruß erhoben. Er schien zu denken, oder durch das Fenster die umliegenden Hügel im Auge zu behalten, doch Essendus war sich sicher, daß seine Augen nichts sahen. Der Fremde war kein Fremder mehr, war es nie gewesen, Essendus hatte ihn Tag für Tag gesehen.
Der Priester machte einen weiteren Schritt auf den Krieger zu, und strich mit seinen Fingern über dessen Arm, fest und kalt.
„Danke, Freund.“
Doch der Fremde blieb stumm. So stumm, wie er jeden Tag geblieben war, seit man ihn hier aufgestellt hatte, seit fast 190 Jahren. Seit dem Ende des zweiten Eonarmondes im zweiten Jahr nach der Gründung des Reiches, als man Graf Henry I of Stollhill, den Stifter dieses Schreins, zu Grabe nach Lauffenburg getragen hatte. Und seine Statue hier aufgestellt hatte, damit diese, geschlagen aus stollhiller Granit, erinnern sollte an die Großzügigkeit des Grafen…

Die Geschichte von der Schlacht in Schrein Larinars verbreitete sich wie ein Feuer im Reich, und trotz des Winters kamen viele Menschen in den Tempel, um die Statue des ersten Grafen von Stollhill zu sehen, die noch immer den Kelch in der Faust hielt.

Essendus jedoch verließ bald darauf den Schrein, der ihm über viele Jahre als Heim gedient hatte. Er übergab die Führung des Tempels seinem Freund Mons, und folgte dem Ruf des Ordens, der zur Befreiung der gefallenen Stadt Arken Truppen sammelte. Und als in Arken der Tempel wieder errichtet wurde, da blieb der Pater dort, um ein Licht in die Dunkelheit zu tragen. Lange Jahre lebte er dort, verbreitete sein Wissen unter den Suchenden und betreute die Bibliothek des Domes zu Arken. Und an jedem Jahrestag der wundersamen Rettung pilgerte er mit einigen Brüdern und einer Schar Gläubiger in den Schrein, wo die Statuen standen, um dem steinernen Grafen zu danken.

Als Essendus schließlich für immer seine Augen schloß, setzte man ihn im Dom zu Arken bei, in den Katakomben unter dem Tempel. Eine Statue jedoch, die von ihm kurz vor seinem Tod gefertigt wurde, brachte man in den Schrein, wo Essendus seinen größten Sieg errang. Und dort stehen der Pater und der steinerne Graf noch heute beisammen, der eine mit Lanze und Kelch, der andere mit einer steinernen Fackel in der Hand.
Und man sagt, daß die steinernen Figuren der Stollhills und der Pater ihre Säulen wieder verlassen werden, wenn sie von denen gebraucht werden, die das Licht in die Dunkelheit tragen müssen.

Von Marc H., 2000


Eingetragen von LaGa am 6. Dezember 2011


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